Page 5 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Juni 2026
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130. DEUTSCHER ÄRZTETAG




      handeln können. Sie fordert eine proaktiv gestaltende Politik   formen der letzten Jahrzehnte“ bezeichnet und damit dem
      zur Bewältigung der Krisen. Abschließend appellierte die Prä-  Bundeskanzler widersprochen. Ein wenig Mitgefühl mit der
      sidentin an die politisch Verantwortlichen, die Kompetenz der   Ministerin ließ er erkennen; sie habe die prekäre Situation „ja
      Selbstverwaltung  zu  nutzen,  die  Ärzteschaft  frühzeitig  und   sozusagen geerbt“. Harsche Kritik übte er am Engagement des
      verbindlich in Entscheidungsprozesse einzubinden und der   Staates in der Person des Bundesfinanzministers, der keiner-
      Expertise derjenigen zu vertrauen, die das Gesundheitswesen   lei Bereitschaft zum Einstieg in die vollständige Refinanzie-
      tagtäglich tragen. Ihre Rede wurde mit großem Beifall aufge-  rung versicherungsfremder Leistungen erkennen lasse. Dabei
      nommen.                                              geht es um rund 13 Mrd. Euro! Als „finanzpolitischen Taschen-
      Der  Ministerpräsident  von  Niedersachsen  Olaf Lies  hat  zu-  spielertrick“ und „weder seriös, noch solide, noch solidarisch“
      nächst Heiterkeit mit der Behauptung ausgelöst, dass dieser   bezeichnete es Reinhardt, dass die Beitragspauschale für Bür-
      Ärztetag  in  der  schönsten  Landeshauptstadt  Deutschlands   gergeldbezieher um 250 Millionen Euro erhöht, der Bundeszu-
      stattfindet, dann jedoch wiederholt Beifall erhalten, wenn er   schuss an den Gesundheitsfonds für die Finanzierung von ei-
      die Leistungen in unserem Gesundheitssystem gewürdigt und   gentlich staatlichen Aufgaben jedoch von 14,5 Milliarden auf
      konstruktive Ansätze für eine Reform zum Ausdruck gebracht   12,5 Milliarden Euro gesenkt wird. Er fordert, dass der Bun-
      hat. In seinem Grußwort hat der Oberbürgermeister von Han-  deszuschuss dynamisch an den tatsächlichen Kosten versi-
      nover Belit Onay mit Stolz auf seine Stadt als UNESCO City of   cherungsfremder Leistungen ausgerichtet werde.
      Musik,  insbesondere  aber  als  Medizin-  und  Wissenschafts-  Reinhardt wendet sich sodann den Gründen für die Ausgaben-
      standort hingewiesen.                                steigerung zu: eine älter werdende Bevölkerung, mehr Multi-
      Nach den Grußworten wurde in der Totenehrung besonders   morbidität, mehr chronische Erkrankungen und neue hoch-
      verdienten Ärzten stellvertretend für viele gedacht. Aus unse-  wirksame, aber extrem teure Therapieverfahren. Der Zielkon-
      rem Bundesland wurde an Prof. Dr. Klaus Ernst (*25.02.1936   flikt zwischen Finanzierung und Versorgung müsse aufgelöst
      †06.11.2025)  erinnert, Direktor der Nervenklinik in Rostock   werden. Dabei dürfe es aber keine unangemessenen Kürzun-
      von 1983 bis 2003.                                   gen zulasten der Patientenversorgung und keine weitere Ver-
      Die Paracelsus-Medaille als höchste Auszeichnung der Deut-  schlechterung der Arbeitsbedingungen für die Menschen ge-
      schen  Ärzteschaft  wurde  in  diesem  Jahr  an  Dr.  Christiane   ben. Kritisch setzt der Redner sich sodann mit einzelnen ge-
      Groß für ihr berufspolitisches Engagement in der Ärzte kam-  plante Maßnahmen zu den offenen Sprechstunden, der Platt-
      mer Niedersachsen und darüber hinaus, für ihr Engagement   form 116 117, dem Zweitmeinungsverfahren und den Tarifstei-
      im Deutschen Ärztinnenbund und in verschiedenen Aus-  gerungen im Krankenhaus auseinander. Er fordert einen ver-
      schüssen der BÄK u.a. für Digitalisierung und Telematik verlie-  bindlichen Praxischeck geplanter Maßnahmen und versichert
      hen. Prof. Dr. Dr. Joachim Grifka erhielt die Auszeichnung für   der Ministerin, dass die Ärzteschaft bereit ist, gemeinsam mit
      beein druckende klinische und wissenschaftliche Leistun gen,   ihr nach Lösungen zu suchen. Der Konflikt zwischen der An-
      sein Engagement für die Weiterbildung und Patientenkommu-  spruchshaltung der Bürger, dem unbegrenzten Leistungsver-
      nikation sowie sein Eintreten für die ärztliche Freiberuflich-  sprechen der Politik und dem Wirtschaftlichkeitsgebot nach
      keit. Posthum wurde Prof. Dr. Michael Peter Manns (†) für   Paragraf 12 des SGB V ist angesichts begrenzter Ressourcen
      seine Ver dienste um die Hepatologie in Deutschland und   nicht lösbar; solche Leistungsversprechen sind unredlich.
      international sowie sein Wirken in Forschung, Lehre und un-  Der Redner geht dann auf den Zusammenhang von den wirt-
      mittelbarer Patientenversorgung geehrt. Seine Medaille ha-  schaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und
      ben die Töchter des 2025 überraschend Verstorbenen entge-  der  Leistungsfähigkeit  unseres  Gesundheitswesens  ein.  Die
      gengenommen.                                         gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Solidarität, Subsidi-
      Die Ansprache des Präsidenten der BÄK und des DÄT Dr. Klaus   arität und Eigenverantwortung müssen neu austariert werden;
      Reinhardt ist zugleich auch das Referat zum TOP I in der Ple-  erst im Zusammenspiel entsteht ein tragfähiges Modell.
      narsitzung am Nachmittag und gibt einen Bericht zur aktuel-  Den Gesetzentwurf für Daten und digitale Innovation im Ge-
      len  gesundheits–  und  berufspolitischen  Lage,  gleichzeitig   sundheitswesen hält Reinhardt an entscheidenden Punkten
      aber auch einen Überblick über die Themen des Ärztetages.   für „absolut übergriffig“, wenn Krankenkassen erlaubt werden
      Der Reformbedarf im Gesundheitssystem ist unübersehbar;   soll, Diagnosen, Medikation und sogar Inhalte der elektroni-
      aktuell steht das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz im   schen Patientenakten auszuwerten. Zum Abschluss seiner
      Mittelpunkt der Debatte. Gleich zu Beginn hat Reinhardt es als   Rede geht er noch auf die Einführung des Primärarztsystems,
      „reines Spargesetz und sicher nicht eine der größten Sozialre-  die Reform der Notfallversorgung und den Stellenwert der


      AUSGABE 6/2026 36. JAHRGANG                                                                           Seite 205
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