Page 5 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Mai 2026
P. 5
WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Exosomen als RNA-Träger –
neue Perspektiven für die Behandlung
von Glomerulopathien
Tim Lange , Luzia Maron , Claudia Weber , Doreen Biedenweg , Rabea Schlüter , Nicole Endlich 1
1
3
1
2
1
Zusammenfassung: nehmende medizinische und gesundheitsökonomische Her-
ausforderung dar (1). Prognosen zufolge wird die CKD-bedingte
Chronische Nierenerkrankungen betreffen etwa 11 % der Welt- Mortalität bis 2040 weltweit deutlich ansteigen und im Ranking
bevölkerung und stellen ein wachsendes Gesundheitsproblem der häufigsten Todesursachen von Platz 7 auf Platz 4 vorrücken
dar. Sie verlaufen häufig lange ohne Symptome bzw. Schmer- (2). Ein zentraler Pathomechanismus vieler CKD-Formen ist die
zen und werden daher oft erst sehr spät erkannt. Ein wichtiger Schädigung der glomerulären Filtrationsbarriere, die zur Ent-
Grund für den Verlust der Nierenfunktion ist die Schädigung wicklung von Proteinurie und letztlich zum fortschreitenden
von Podozyten, spezialisierten Zellen im Nierenfilter. Da sich Verlust der Nierenfunktion führt (3). Trotz verbesserter diag-
diese Zellen nicht regenerieren können, führt ihr Verlust meist nostischer und therapeutischer Möglichkeiten bleibt die Prog-
zu einer dauerhaften Beeinträchtigung der Nierenfunktion bis nose vieler Patientens ungünstig, da Nierenerkrankungen häu-
hin zum Nierenversagen. fig über lange Zeit symptomarm verlaufen und daher oft erst in
Die hier vorliegende Studie untersucht einen neuen Ansatz, um fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert werden.
Podozyten gezielt zu beeinflussen: Exosomen, winzige natürli- Podozyten, hoch spezialisierte Zellen in den Filtereinheiten der
che Vesikel, mit denen Zellen Moleküle im Körper transportie- Niere, den Glomeruli, spielen dabei eine Schlüsselrolle. Ihre
ren und untereinander austauschen. Forschende beluden diese komplexe Morphologie mit ineinander verzahnten kleinen Zel-
Exosomen direkt und gezielt mit kleinen RNA-Molekülen und lausläufern, den sogenannten Fußfortsätzen und der dazwi-
konnten dadurch bestimmte Gene in den Zellen regulieren. schen aufgespannten Schlitzmembran, ist essenziell für die
Die Ergebnisse dieser Exosomen-basierten Methode ExoNephX Größenselektion des Filtrats, macht sie jedoch zugleich beson-
zeigen eindeutig, dass Podozyten RNA-beladene Exosomen ders anfällig gegenüber toxischen, mechanischen und metabo-
sehr effizient aufnehmen: Mehr als 96 % der Zellen nahmen lischen Einflüssen (3). Da Podozyten nicht regenerierbar sind,
die Moleküle auf, ohne dass zytotoxische Effekte beobachtet führt ihr Verlust zu einer irreversiblen Schädigung der Filtrati-
wurden. Die transportierte RNA war außerdem funktionell ak- onsbarriere und kann langfristig nicht kompensiert werden.
tiv und konnte gezielt die Expression bestimmter Gene verän- Schätzungen zufolge liegen bis zu 75 % der Nierenerkrankun-
dern. gen eine podozytäre Schädigung zugrunde (4). Dennoch gelten
Damit zeigen die Ergebnisse, dass Exosomen ein effizientes Podozyten bislang als therapeutisch schwer zugängliche Ziel-
und schonendes Transportsystem für RNA-basierte Thera- zellen. Klassische pharmakologische Therapien, etwa Kortiko-
pien sein können. Langfristig könnte dieser Ansatz neue, ge- steroide, greifen meist nur indirekt in podozytäre Signalwege
zieltere Behandlungsmöglichkeiten für Nierenerkrankungen ein und sind häufig mit erheblichen Nebenwirkungen verbun-
eröffnen. den, während gezielte molekulare Interventionen bislang kaum
etabliert sind (5).
Einleitung RNA-basierte Therapiestrategien stellen vor diesem Hinter-
grund einen vielversprechenden Ansatz dar. Besonders kleine
Chronische Nierenerkrankungen (Chronic Kidney Disease, CKD) RNA-Moleküle (small RNAs) spielen hierbei eine wichtige Rolle.
stellen mit einer weltweiten Prävalenz von etwa 11 % eine zu- So unterscheidet man zum Beispiel kleine inhibitorische RNAs
wie siRNAs, die eine gezielte Blockade einzelner krankheitsre-
1 Institut für Anatomie und Zellbiologie, Universitätsmedizin Greifswald, Greifswald, levanter Gene (6) erlauben, während miRNAs als Regulatoren
Deutschland.
2 Institut für Physik, Universität Greifswald, Greifswald, Deutschland. komplexer Netzwerke gleichzeitig mehrere Zielstrukturen be-
3 Imaging-Zentrum der Fachrichtung Biologie, Universität Greifswald, Greifswald,
Deutschland. einflussen können (7). Die praktische Anwendung dieser klei-
AUSGABE 5/2026 36. JAHRGANG Seite 161

