Page 39 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Juni 2026
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FÜR SIE GELESEN



      Zukunft braucht Weisheit                             schaft das zutiefst gesellschaftlich geprägte Unterfangen, die
                                                           Welt nicht einfach hinzunehmen, sondern sich vorzustellen,
                                Protokolle einer           sie könnte auch anders sein. Natürlich sollten die meisten wis-
                                Grenzwanderung             senschaftlichen Beschäftigungen mit Freude verbunden sein.
                                Helga Nowotny
                                                           Dabei ist jede wissenschaftliche Entdeckung immer auch eine
                                Gebunden, 302 Seiten       Entdeckung des eigenen Blicks, schreibt Nowotny.
                                1. Auflage 2026            Aber sie bemerkt auch die grundsätzliche Ungewissheit bei
                                                           allen Prozessen und erklärt, warum die Gesellschaft gerade
                                MSB Matthes & Seitz Berlin
                                Verlagsgesellschaft mbH    deswegen wissen sollte, wie Wissenschaft funktioniert.
                                                           Aus der Vielfalt der Schilderungen, auch der Lebensstationen,
                                ISBN: 978-3-7518-2077-6; 24 €  soll nur kurz ein Bericht angesprochen werden.
                                                           Die Autorin erzählt über einen der ältesten Texte der Mensch-
                                                           heit, dem Gilgamesch-Epos aus dem zweiten vorchristlichen
                                                           Jahrtausend. Sie findet darin Hinweise, wie man mit ungewis-
                                                           sen Situationen umgeht.
                                                           In dem Epos entscheiden die Götter, mit einer epochalen Flut
                                                           alles  Leben  auszulöschen.  Aber  ein  einzelner  Mensch,
      Was treibt uns an, die Welt immer wieder neu zu denken?   Utanapišti, wird vorher von einem Ratgeber der Götter ge-
      In „Zukunft braucht Weisheit“ gibt die Wissenschaftsforscherin   warnt und daraufhin baut er ein Schiff. Dieses war keine offe-
      Helga Nowotny eine Antwort, indem sie das wissenschaftlich   ne Warnung, sondern eine verschlüsselte Botschaft. Aber die-
      generierte Wissen in Verbindung zwischen Vergangenheit, Ge-  ser Einzelne hatte das Ohr und die Weisheit, auf diese Informa-
      genwart  und  den  wechselnden  Vorstellungen  von  Zukunft    tion zu hören.
      stellt.                                              Was können wir aus dieser Geschichte lernen?
      Die preisgekrönte Wissenschaftlerin Helga Nowotny, geboren   Nowotny schlussfolgert, dass es wichtig ist, ein Ohr für noch
      1937 in Wien, ist emeritierte Professorin der ETH Zürich und   unklare oder unerwartete Signale zu haben. Und nicht zu war-
      Ehrensenatorin der Universität Wien. Ihre interdisziplinären   ten, bis man alles eindeutig weiß.
      Forschungsschwerpunkte bewegen sich im Feld der Wissen-  Übrigens: Laut babylonischer Kultur befand sich die Intelli-
      schaftsforschung. Als erste Frau stand sie an der Spitze des   genz im Ohr.
      Europäischen Forschungsrats.                         Es ist eben wichtig, hören zu können, Signale rechtzeitig auf-
      Die Motivation zu ihrem Buch beschreibt sie so:      zunehmen und richtig zu deuten.
      „Über Grenzwanderungen nachzudenken und ihre Protokolle   Parallelen zur heutigen Zeit drängen sich auf!
      auszuwerten legt es nahe, eine neue Form zu finden. Das Buch   „Hat die Menschheit nichts dazugelernt? Bleibt sie für immer im
      ist ein Hybrid. Es ist entschieden keine Autobiografie, dennoch   Freund - Feind - Schema gefangen ...?“ (S. 31)
      spreche ich über mein Leben, meine Arbeit und meinen intellek-  Konkrete Vorhersagen äußert die Autorin nicht, analysiert die
      tuellen Werdegang.“ (S. 20)                          Lage aber nüchtern und vermittelt trotz allem eine Art heite-
      Im weitesten Sinne sind es also Lebenserinnerungen, in der   rer Zuversicht.
      neben der Mitteilung des persönlichen Entwicklungsganges   Helga Nowotny zeigt in ihrem Wissenschaftsmemoir, dass For-
      ein besonderes Gewicht auf ihre Forschungen und die Darstel-  schung weit mehr ist als trockene Fakten - sie ist ein Abenteu-
      lung  zeitgeschichtlicher Ereignisse  und Denkformen gelegt   er voller Neugier, Mut und der Lust am Unbekannten.
      wird.                                                Am Schluss des Buches komme ich aber zu der Erkenntnis,
      Hinsichtlich des  „anziehenden“ Buchtitels meint  Nowotny,   dass der Titel „Zukunft braucht Weisheit“ vielversprechender
      dass Weisheit über Wissen hinausgeht.                ist als der Text.
      Nach ihrer Ansicht bedeutet Weisheit, nicht nur zu wissen, wie                     Prof. H.H. Büttner, Wismar
      etwas funktioniert, sondern auch zu wissen, dass sich die Din-
      ge unerwartet ändern können – und wie man dann damit um-
      geht.
      Wissenschaft steht immer in Wechselwirkung zu ihrem sozia-
      len, politischen und kulturellen Umfeld. Dabei ist Wissen-


      AUSGABE 6/2026 36. JAHRGANG                                                                           Seite 239
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